Das Achilles Problem

Im fünften Jahrhundert vor Christus beschäftigte sich der griechische Philosoph Zenon von Elea mit den Phänomenen Bewegung, Raum und Zeit. Dabei entstand auch das berühmte Paradoxon von Achilles und der Schildkröte: Der antike Held Achilles, bekannt als besonders schneller Läufer, liefert sich ein Wettrennen mit einer Schildkröte.  Um das Rennen fair zu gestalten, gewährt Achilles dem Tier einen Vorsprung von 100 Fuß. In seinem Paradoxon behauptet Zenon, dass der Held es nicht schaffen kann, die Schildkröte zu überholen. Denn in der Zeit, die Achilles benötigt, um die 100 Fuß-Marke zu erreichen, sei die Schildköte bereits 10 Fuß weiter gelaufen. Erreicht er diesen nächsten Punkt, ist das Tier wiederum ein Stück vorangekommen. Und so weiter… Kurzum: Achilles wird die Schildkröte zu keinem Zeitpunkt einholen, da diese immer einen noch so kleinen Vorsprung behalten wird.

Der antike Achilles erinnert mich oft an die Situation heutiger Studierender: Kaum beginnt man ein Studium, beispielsweise der Informatik oder Verfahrenstechnik, macht sich mit den Grundlagen des Fachs vertraut und versucht den Wissensvorsprung aufzuholen, entwickelt sich die … in diesem Bereich oftmals so rasant weiter, dass man gewissermaßen wieder am Anfang steht. Selbstverständlich ist ein Studium immer „nur“ eine Annäherung an einen Wissensgegenstand. Es ist daher utopisch anzunehmen, man könne dieses Rennen gewinnen – oder lapidar ausgedrückt: Der Weg ist das Ziel…

The World after Midnight

Problematisch wird es jedoch dann, wenn die Ausbildung in den Universitäten und Hochschulen nicht mehr in der Lage ist, das hohe Tempo der Veränderung ‚da draußen‘ mitzugehen. Etwa, wenn im Informatik-Studium Programmiersprachen gelehrt werden, die bereits während der Dauer eines Bachelor-Zyklus überholt sind. Wenn in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen Modelle zum Einsatz kommen, die aus der Zeit vor der vierten industriellen Revolution stammen. Oder wenn Mechaniker ausgebildet werden, wo eigentlich Mechatroniker werden gebraucht werden. Diese kleinen kopernikanischen Wenden nehmen immer mehr zu, in einer Welt, die sich durch digitale Technologien so rasant verändert, wie niemals zuvor.

Der britische Organisationstheoretiker Eddie Obeng spricht in diesem Zusammenhang von einer „World after Midnight“, in der die Geschwindigkeit der Veränderung in der Welt, die Geschwindigkeit, in der wir neue Dinge lernen, übertroffen hat. Die Folge: „Wir lösen Probleme des vergangenen Jahres, ohne über die Zukunft nachzudenken“. Oder anders ausgedrückt: Wir verbringen unsere Zeit, rational auf eine Welt zu antworten, die wir verstehen und erkennen, aber die so nicht mehr existiert. Wir sind Achilles, der verzweifelt versucht, die Schildkröte einzuholen – nur, dass die Schildkröte in diesem Fall immer schneller wird.

Wozu noch studieren?

Gerade Hochschulen sind oftmals nicht in der Lage, dieses Tempo zu bewältigen. Langfristig angelegte, starre Studienprogramme, systemische Geschlossenheit und ein hoher Bürokratieaufwand hindern sie daran, schnell auf Veränderungen zu reagieren. Die Folgen: Für viele Studierende geht bereits heute eher um den Titel auf dem Abschlusszeugnis als um die Inhalte, des Studiums, die häufig bereits während sie in der Uni sitzen, veraltet sind oder von Anfang an nicht zu ihren beruflichen Anforderungen gepasst haben. Lohnt sich ein Studium also überhaupt noch? Ist ein Bachelor- bzw. Masterprogramm, das auf mehrere Jahre angelegt ist, noch angemessen für eine digitale Welt, in der sich Technologien und Geschäftsmodelle beinahe täglich radikal verändern?

Achilles wird siegen

Wir sind davon überzeugt, dass es möglich ist, eine Hochschule zu betreiben, die den Anforderungen einer Welt nach Mitternacht gerecht wird. Eine Hochschule, die nicht das Wissen von gestern verwaltet, sondern Antworten auf die Fragen von morgen findet; die in der Lage ist, agil und flexibel auf Veränderungen in der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Arbeitswelt zu reagieren; die den Prozess vom Aufkommen neuer Ideen und Technologien bis zur Anwendung durch ihre Studenten so beschleunigt, dass sie selbst zum Innovationstreiber in der digitalen Welt wird.

Wir nennen das eine Exponentielle Hochschule.

Im Übrigen konnten Mathematiker erst Ende des 17. Jahrhunderts mithilfe der Infinitesimalrechnung eine mathematisch fundierte Lösung für Zenons Paradoxon finden. Wollen wir hoffen, dass es bei uns schneller geht, bis wir die Schildkröte einholen…

von Uwe Eisermann, Gründungspräsident XU Exponential University of Applied Sciences (i.Gr.)