September 10, 2018

Interview mit Michael Hartwig

by Fabian Radsack in Digitalisierung

Seit Anfang 2017 leitet Michael Hartwig die Geschäfte von Yext in Zentraleuropa. Er soll hier die Expansion des US-Unternehmens vorantreiben. Vor Yext war er bereits in Führungspositionen bei Doubleclick, dem Adtech-Geschäftsbereich von Google, sowie bei Opel, eBay und BMW. Im Interview gibt er Einblicke in das Leben eines Top-Managers.

Michael, im Laufe Deiner Karriere hast Du für verschiedene Unternehmen gearbeitet. Vor Yext warst Du unter anderem bei Google und bei BMW, aber bei keinem bist Du länger als fünf Jahre geblieben – warum?

Meine längste Station war bei BMW, wo ich fünf Jahre lang gearbeitet habe. Ich war auch drei Jahre lang bei Opel. Ansonsten war ich meistens nur für zwei Jahre bei einem Unternehmen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich ein sehr neugieriger Mensch bin. Der Drang immer wieder etwas Neues zu lernen und eine gewisse Unzufriedenheit haben mich zu dem Job geführt, den ich jetzt mache. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, eine echte Mission zu haben. Die Mission, das Business von Yext in Zentraleuropa aufzubauen, was ich womöglich sehr viel länger machen werde.

Angenommen, ich studiere Coding. Mein Wissen ist in drei Jahren eventuell gar nichts mehr wert, weil es dann möglicherweise schon zehn neue Programmiersprachen gibt. Wie schafft man es, sich nicht von den stetigen Veränderungen abhängen zu lassen?

Der unbedingte Wille, Dinge dazuzulernen, sowie die stetige Erweiterung deines Portfolios und deiner Toolbox, führen automatisch dazu, dass du irgendwann viele verschiedene Themengebiete beherrschst. In meiner gesamten Karriere ging es immer darum, einen Schritt zurückzugehen, um das größere Ganze zu sehen. Das ist nötig, um Unternehmen aufbauen zu können oder zu verändern. Wenn du an dem, was du heute tust, Spaß empfindest, dann machst du es genau richtig. Aber du musst trotzdem offen dafür bleiben, dass es in drei Jahren ganz anders sein kann.

Dadurch, dass du oft Deine Jobs gewechselt hast, bist Du sicher auch häufig umgezogen. Wie ist es, jedes Jahr an einem anderen Ort zu wohnen?

Ich bin mal in einer Spanne von sieben oder acht Jahren dreizehn Mal umgezogen. Das war zu einer Zeit in meinem Leben, in der ich dazu super in der Lage war. Ich hatte noch keine Familie und war hungrig nach neuen Themen. Genauso wie ich Jobs gewechselt habe, habe ich auch Standorte gewechselt. Aber heute habe ich eine Familie mit zwei Kindern und fühle mich da wohl, wo wir heute wohnen. Wir leben hier auch schon seit sieben Jahren, was heißt, dass ich seit sieben Jahren nicht mehr umgezogen bin.

Hattest Du damals keine Schwierigkeiten damit, so häufig umzuziehen? Man muss sich schließlich jedes Mal nicht nur an eine neue Arbeitsstelle gewöhnen, sondern auch an ein neues Umfeld.

Nein, es ist mir nie schwergefallen. Für mich ist das keine Belastung, sondern ziemlich spannend. Genauso spannend finde ich es, neue Jobs kennenzulernen oder neue Themenfelder zu erschließen. Es ist eine Frage der Mentalität. Ich habe immer sehr viel gearbeitet und dadurch viel Zeit in der Arbeit verbracht. Abgesehen davon, habe ich einen festen Freundeskreis mit Menschen, die mich schon seit langer Zeit kennen. Dieses Umfeld bildet ein wichtiges Fundament für mich, woraus ich Vertrauen und Rückhalt beziehe und in dem ich mich zuhause fühle. Deswegen habe ich nicht das dringende Bedürfnis jedes Mal, wenn ich umziehe, mich mit jedem zu vernetzen und überall dabei zu sein.

Was sind die größten Unterschiede zwischen einer Corporate wie BMW oder Google und einer im Vergleich kleineren Organisation wie Yext?

In der Corporatewelt lernt man, wie man Teams aufbaut und führt, und wie man Leuten zum nächsten Level verhilft. Dieses Wissen kann man in der Startup-Welt verwenden, um eine Organisation aufzubauen. Dabei kann man sich von den Insignien einer augenscheinlich hierarchischen Welt freimachen, wenn man es in Ordnung findet, kein Einzeloffice mehr zu haben, keinen Dienstwagen und keinen persönlichen Parkplatz. Stattdessen ist man für die Sache an sich unterwegs und das ist großartig. Aber der Unterschied zwischen diesen Welten ist natürlich riesengroß. Ich hatte das Glück, dass ich mich in beiden wohlgefühlt habe. Bei Yext kann ich relativ unabhängig agieren und habe trotzdem starke Shareholder im Rücken. Das ist eine Glückssituation.

Was macht Yext so besonders?

Yext ist als Company noch nicht sehr bekannt und viele werden das Unternehmen vielleicht nie kennenlernen. Trotzdem sind wir in der Lage, mit unserem Produkt viele Menschen und Organisationen unbewusst zu beeinflussen. Unsere Yext Knowledge Management Plattform hilft Unternehmen dabei, ihre Informationen über Standorte, Mitarbeiter und Produkte einheitlich auf über 100 verschiedenen Diensten darzustellen und upzudaten. Somit verhelfen wir ihnen zu mehr Sichtbarkeit und mehr Kontrolle über ihren Markenauftritt, was nicht nur ihre Brand Awareness steigert, sondern auch ihren Umsatz. Das ist ein starkes Produkt, das wir gut auf die europäische Nachfrage adaptieren können. Diese Vision und Mission mitzutragen ist einzigartig.

Was sind die größten Unterschiede zwischen selbstständig und angestellt sein?

Der größte Unterschied ist die Verantwortung, die man für die Menschen trägt, mit denen man zusammenarbeitet. Das Ziel ist es kommerziell so erfolgreich zu sein, dass man die Gehälter und die nötigen Investitionen bezahlen kann. Du musst dafür sorgen, dass du mit deinen Mitarbeitern eine Wertschöpfung generierst. Dieser Druck ist viel größer, wenn du selbstständig bist und ein eigenes Team hast. Ich fühle mich auch jetzt selbstständig, obwohl ich angestellt bin.

Wie gehst Du mit diesem Druck um?

Ich habe ein starkes privates Umfeld, das wie eine Art Festung für mich ist, in die ich mich zurückziehen kann. Auch durch intensiven Sport schaffe ich es meinen Kopf freizukriegen und abzuschalten. Abgesehen davon bin ich kein Typ, der nicht mit Stress umgehen kann. Ich habe gelernt, keinen Stress zu empfinden, der mir nahe geht. Der Schlüssel ist, sich auf seine Werte und Fähigkeiten zu besinnen. Dadurch entwickelt man eine gewisse Selbstzufriedenheit und innere Ruhe, aus der heraus man bessere Entscheidungen treffen kann. Wenn man Stress als negativen Einfluss empfindet, ist das in erster Linie schlimm für einen selber.

Wie schaffst Du es Dein berufliches und privates Umfeld voneinander zu trennen trotz ständiger Erreichbarkeit?

Ich bin Teil der Generation X, bei der es hauptsächlich um den hierarchischen Aufstieg geht. Aber ich arbeite mit vielen Millennials zusammen, die ganz andere Werte haben und denen wichtig ist, sich selbst zu verwirklichen. Damit muss man umgehen können. Es geht nicht darum, wann man online und wann man offline ist, sondern es in Ordnung zu finden, einfach online zu sein. Ich habe damit kein Problem. Trotzdem schaffe ich mir während eines Tages genug Freiraum, um das zu tun, was ich gerade machen will. So kann es sein, dass ich morgens um 11 Uhr ins Gym gehe, dafür aber nicht um 17:30 Uhr Feierabend mache. Hier bei Yext haben wir auch eigene Schließfächer für unsere Mitarbeiter, damit sie ihre Sportklamotten reintun können und Duschen sind auch verfügbar. Wenn man Lust hat in der Mittagspause im Tiergarten laufen zu gehen, kann man einfach loslaufen. Sowas kann vor allem jungen Menschen ein Gefühl der Freiheit geben. Das ist auch in unserem Interesse. Ich möchte, dass die Mitarbeiter Spaß haben. Diese Kultur habe ich von Google mitgenommen, wo ich fast jeden Tag Sport gemacht habe.

Inwiefern denkst Du, dass Millennials sich mehr verwirklichen wollen, als Personen aus früheren Generationen?

Das sind Digital Natives, die sich fragen: „Was bietet man mir eigentlich an, damit ich bei diesem Unternehmen arbeite?“ Das war früher andersrum. Da fragte man eher: „Kann ich bitte bei Ihnen arbeiten?“ Natürlich gibt es auch noch heute beide Welten, aber tendenziell ist es Millennials schon sehr wichtig, was das Unternehmen für sie machen kann. Das hat nichts mehr mit der klassischen hierarchischen Unternehmensführung zu tun, die bei der Generation X noch ganz normal war. Im Militär würde man sagen, wir unterscheiden zwischen Auftrags- und Befehlstaktik. Das ist keine Befehlstaktik, wo man dir genau sagt, was die nächsten 10 Schritte sind, an die du dich halten musst. Es ist eher die Auftragstaktik, wo man dir das Ziel vorgibt und du selber herausfinden musst, wie wir da hinkommen. Als Millennial kannst du das besser begreifen und schaffst es schneller einen möglichen Weg zu finden.

Du erwähntest bereits, dass Du ziemlich viel arbeitest. Schaffst Du es eigentlich, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bekommen?

Das funktioniert toll, weil ich eine tolle Frau habe, die oft auf unsere Kinder aufpasst und auch meistens zuhause ist. Irgendwann habe ich mich dazu entschieden kein Wochenend-Papa zu sein, der montags wegfliegt und freitags wiederkommt. Ich bin zwar jede Woche unterwegs, aber ich stelle sicher, dass ich nie länger als zwei Nächte am Stück woanders übernachte und insgesamt nie länger als drei Nächte weg bin. An den meisten Tagen bin ich abends wieder zuhause. Alle 7-8 Wochen muss ich aber eine Ausnahme machen, weil ich nach New York zu unserem Headquarter fliege, wo ich immer eine ganze Woche weg bin. Allerdings hatte ich in der Vergangenheit durchaus Jobs, wo das viel intensiver war. So wie es jetzt ist, ist es ok.

Steht die Arbeit also in direkter Konkurrenz zu Familie und Freizeit?

Ja, natürlich! Was anderes zu sagen, wäre gelogen.

Muss man sich als Frau dementsprechend irgendwann entscheiden, ob man Karriere machen will oder eine Familie haben möchte?

Auch Frauen sollten sich auf jeden Fall für das entscheiden, wofür sie Leidenschaft empfinden. Meine Frau arbeitet auch. Sie ist nur diejenige, die mehr dazu beiträgt, dass unsere Familienwelt die Festung bleibt, die sie ist. Wir müssten etwas ändern, wenn sie auch viel reisen würde oder einen Job hätte, der sie stark einbindet. Das wäre zwar eine größere Herausforderung, aber auch diese kann man lösen. Ich denke nicht, dass man sich zwangsläufig zwischen Karriere und Familie entscheiden muss. Du musst einen Weg finden, wie du deine verschiedenen Lebensbereiche arrangierst, sodass weder Privates noch Berufliches zu kurz kommt.

Denkst du, dass Privates und Berufliches im modernen Arbeiten stärker vermischt werden? Dass man nach der Arbeit noch zusammen mit den Kollegen was trinken geht oder einen Film zusammen anschaut? Vielleicht sogar am Arbeitsplatz?

Ja klar, auch bei uns ist es so, dass man abends zusammen essen geht oder Filmpremieren besucht. Unsere Leute bringen auch oft ihr privates Umfeld mit ins Büro. Die Ehepartner, Lebensgefährten und Kinder gehen hier ein und aus. Es ist ein Ort der Begegnung und auch eine soziale Verantwortung, die wir haben.

Ist die Digitalbranche eher männlich?

Dazu gibt es sicher jede Menge Studien und Abhandlungen. Es ist auch etwas, was uns sehr stark im Einstellungsprozess von neuen Mitarbeitern beschäftigt, speziell in erfahreneren Levels. Hier im Büro besteht mehr als die Hälfte der Mitarbeiter aus Frauen, aber im Vorstand gibt es nur eine Frau im kompletten Board. Je weiter man in der Entscheidungsebene und in der Hierarchie nach oben geht, desto weniger Frauen sieht man. Aber ich glaube, dass es mittlerweile viele Ansätze gibt, die darauf abzielen das zu ändern. Die digitale Welt, wie ich sie bisher erlebt habe, war leider meistens eine echte „Boy Group“. Viele der Jobs, die auf höheren Leveln zu vergeben waren, sind mit Männern besetzt worden. Ich kann nicht sagen, warum es so ist, denn ich habe sehr viele unglaublich fähige Frauen kennen gelernt, die all diese Jobs auch hätten machen können.

Worauf achtest Du am meisten während des Einstellungsprozesses?

Es geht komplett darum, ob die Personen für den Job qualifiziert sind. Das heißt, es kommt darauf an, was sie davor gemacht haben, welche Skills und Fähigkeiten sie mitbringen und ob das zu dem Job passt.

Wie wichtig ist Scheitern, deiner Meinung nach, für die persönliche Weiterentwicklung?

Es ist weitaus besser etwas zu wagen und dabei zu scheitern, als es gar nicht erst versucht zu haben. Ich denke auch, dass die Ausbildung sehr wichtig ist. Wir haben hier Leute, die nicht studiert haben und trotzdem in herausragenden Positionen sind. Irgendwann spielt es in deinem Berufsleben keine Rolle mehr, welchen akademischen Abschluss du hast. Aber am Anfang ist eine gute Ausbildung unfassbar wichtig, damit du einen guten Einstiegspunkt hast. Es ist eine Art Führerschein, um richtig loslegen zu können.

Rückblickend auf Dein 18-jähriges Ich, was hättest Du vor dem Studium anders gemacht?

Ich hätte mich mehr über verschiedene Dinge informiert und wäre neugieriger gewesen. Ich bin heute sehr viel neugieriger als ich es früher war. Früher war ich sehr viel schneller zufrieden zu stellen, als ich es heute bin. Heute erwarte ich mehr von mir und meinem Umfeld. Wenn ich damit früher angefangen hätte, hätte ich noch mehr von der Welt gesehen und mein Horizont wäre noch ein bisschen weiter gewesen. Ich würde jedem empfehlen, unzufrieden zu sein, neugierig zu bleiben und Dinge auszuprobieren. Am Ende sollte man aber auf sein Herz und sein Bauchgefühl mindestens genauso hören, wie auf sein Hirn. Rein rationale Entscheidungen werden dich nicht zu dem bringen, für das du Glück empfindest. Am Ende geht es aber genau darum. Es geht darum, dass nur du selbst für dein Glück verantwortlich bist und niemand sonst.

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