Mai 16, 2018

Im Kopf eines Startup-Gründers

by Fabian Radsack in Creative, Digitalisierung

Als Geschäftsführer von studiVZ wurde Michael Brehm noch vor seinem 30. Geburtstag Millionär. Diese Möglichkeit nutzte er, um in Startups zu investieren und i2x, sein eigenes AI-Startup in Berlin, zu gründen. Im Interview erklärt er, wie er Projekte mit Investitionspotenzial ausfindig macht, auf was er bei Hochschulabsolventen achtet und wie er durch künstliche Intelligenz den Kundenservice revolutioniert.

Michael, warum hast Du dich dazu entschieden, gleichzeitig Unternehmer und Investor zu sein?

Ich habe meine erste Firma mit 15 Jahren gegründet. Seitdem träume ich davon langfristig unternehmerisch tätig zu sein. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, aus einer Idee etwas zu schaffen, was zu einer relevanten Firma wird. Nachdem ich bereits zweimal große und erfolgreiche Firmen aufgebaut habe, wollte ich verstärkt als Investor tätig sein. Ich habe sehr viele Frühphaseninvestments im Software- und Technologiebereich gemacht und somit auch viele tolle Firmen mitunterstützt. Darunter Lieferando, die an die Börse gegangen sind, oder Kreditech, eine der größten Fintech-Firmen in Deutschland.

Wie entdeckst Du neue Firmen?

Gerade in Berlin ist man in einer gut vernetzten Szene, wo man durch Empfehlungen solche Firmen findet. Dabei haben sich meine Kriterien, wie ich aus Investmentmöglichkeiten auswähle, in den letzten Jahren stark geändert. Am Anfang waren ein toller Lebenslauf und ein Riesenmarkt wichtig – eben die Sachen, die man im Betriebswirtschaftsstudium lernt. Mittlerweile geht’s mir aber vor allem um die Leidenschaft der Gründer in der frühen Phase eines Startups. Haben sie schlaflose Nächte, wenn sie die Firma nicht aufbauen können? Ist es der richtige Zeitpunkt für diese Geschäftsidee? Diese beiden Aspekte sind für den Erfolg viel wichtiger als alles andere. Es ist so unglaublich schwer eine Firma erfolgreich aufzubauen. Man hält die vielen Rückschläge nur aus, wenn man eine ganz starke Überzeugung hat.

Worum geht es in Deinem neuen Projekt i2x?

Wir haben mit i2x ein sehr komplexes technisches Produkt aufgebaut. Zunächst nehmen wir mit Hilfe von künstlicher Intelligenz Telefonate unserer Kunden auf, analysieren sie und geben automatisch Empfehlungen zur Verbesserung des Kundenservices weiter. Auf die Idee kam ich durch ein Problem bei meiner letzten Firma „Rebate Networks“. Wir haben innerhalb von zwei Jahren ein globales Netzwerk an E-Commerce Firmen aufgebaut, mit insgesamt 10.000 Mitarbeitern in 30 Ländern. Von diesen 10.000 Mitarbeitern waren 2.500 Telesales-Leute. Es hat mir Kopfschmerzen bereitet, eine konstante Qualität reinzukriegen. Ich habe mich andauernd gefragt: Wie kann man das besser machen? Wie kann man dem Team helfen? Aufgrund dieses jahrelangen Problems überlegte ich mir eine Lösung.

Wie kommst Du vom Entdecken eines Problems zu dieser Leidenschaft?

Ein bestimmtes Problem lässt einen irgendwann einfach nicht mehr los. Man denkt immer weiter darüber nach und irgendwann entscheidet man sich entweder dafür, damit aufzuhören, oder man gründet eine Firma. Gute Projekte entwickeln sich dadurch, dass man zu Beginn ein Problem hat und nicht nur einen vielversprechenden Markt. Im ersten Schritt interessiert einen weder der Markt noch das Produkt, sondern das Problem, für das man eine Lösung finden will.

Kannst Du dafür ein Beispiel nennen?

Eine der beeindruckendsten unternehmerischen Leistungen der letzten Jahre brachte der Gründer von „The Ocean Cleanup“. Das war ein 16-jähriger Junge, der ein riesengroßes Problem darin sah, dass so viel Plastik in den Weltmeeren schwimmt. Jeder hat zu ihm gesagt: Das lässt sich nicht lösen, wie soll man das Plastik aus den Weltmeeren rausholen? Daraufhin hat er fünf große geografische Bereiche aufgezeigt, in denen sich 55% des Plastiks ansammeln. In diesen Arealen müsste man gewaltige Schläuche installieren, um das Plastik herauszufiltern. Auf den ersten Blick eine völlig verrückte Idee, aber jetzt, sechs Jahre später, sind sie kurz davor, eine technische Lösung zu bauen.

Gab es bei Dir bei der Gründung von studiVZ auch einen gewaltigen Gegenwind, weil Du damals noch sehr zu jung warst?

Ja klar, heute vielleicht weniger, aber damals bei studiVZ waren immer Leute, die gesagt haben, dass es nicht funktionieren kann und dass das niemand braucht. Man muss eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen, wenn man seine Idee umsetzen möchte. Das ist eine der größten Herausforderungen, weil man noch nichts außer ein Blatt Papier mit einer Idee hat. Wie soll man da überzeugend gegen andere Meinungen argumentieren? Dieses Problem hat man sowohl als großer Unternehmer, als auch im Startup. Man hat eine Idee, möchte ein neues Projekt oder einen neuen Geschäftsbereich aufbauen und kriegt erstmal von zehn Leuten in epischer Breite zu hören, warum es nicht funktionieren kann. Da muss man sich überlegen, wie man damit, für sich selbst und für die Firma, am besten umgeht.

Wie gehst Du persönlich damit um?

Wenn sie die Idee heute noch nicht spannend finden, dann finden sie sie in sechs Monaten, einem Jahr oder in zwei Jahren spannend. Ich sehe das eher als einen unglaublichen Ansporn, die Leute doch noch davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist und dass man daraus ein gutes Produkt bauen kann.

Worauf achtest Du als Arbeitgeber bei einem Hochschulabsolventen am meisten, wenn er sich für eine Stelle bei Deiner Firma bewirbt?

Drei Dinge: Erstens generelles Interesse, Neugier und Lernbereitschaft. Denn ganz egal, was jemand studiert hat, das Wissen ist spätestens nach ein paar Jahren veraltet. Dementsprechend ist mir der Drang Neues zu lernen total wichtig. Zweitens gute kognitive Fähigkeiten. Ohne die geht es bei einem sehr technischen und anspruchsvollen Produkt nicht. Und drittens Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Nur wenn diese drei Punkte zusammenkommen, arbeitet man gerne mit einer Person zusammen. Denn wenn auch nur eine dieser Eigenschaften fehlt, hat man bereits ein ziemlich großes Problem.

Diese Angstveraltetes Wissen in der Schule oder in der Uni zu lernen, ist ja ziemlich verbreitet. Wie kann man damit in unserer schnelllebigen Welt umgehen?

Es ist in der Tat so, dass sich das Wissen wahnsinnig schnell verändert. Deshalb sind die Bereitschaft und die Fähigkeit immer weiter zu lernen so wichtig. Es ist ein Privileg, dass wir ständig neue Dinge lernen und uns mit neuem Wissen auseinandersetzen dürfen. Ich freue mich wahnsinnig auf die Zukunft und bin dankbar, dass wir in so einer großartigen und spannenden Zeit leben.

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