Juni 23, 2017

Fünf Thesen zur exponentiellen Hochschule

Im Oktober 2017 jährt sich zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen, die Martin Luther, der Überlieferung nach, an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlug.

Im Oktober 2017 jährt sich zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen, die Martin Luther, der Überlieferung nach, an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlug. Auch wenn die Authentizität dieses Ereignisses bis heute umstritten ist – seine Folgen sind noch immer sichtbar. Denn mit seiner Kritik an der katholischen Kirche bildet er einen zentralen Auslöser für die Reformationsbewegung, welche noch bis ins 17. Jahrhundert hinein in ganz Europa aktiv war und das Zeitalter der frühen Neuzeit entscheidend prägte.

Das Beispiel von Martin Luther ist inspirierend. Denn es zeigt die Kraft der Erneuerung, die Macht disruptiver Ideen, die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen für immer zu verändern. Derzeit befinden wir uns wieder in einem Zeitalter radikaler Umbrüche, ausgelöst durch digitale Technologien, deren Auswirkungen wir kaum abschätzen können. Und auch heute treffen wir dabei auf Vorstellungen und Praktiken, die nicht mehr in diese Zeit passen, etwa im Bereich der Hochschulbildung. Mit unserem Ansatz einer exponentiellen Hochschule wollen wir das ändern. Wir wollen eine Hochschule für das digitale Zeitalter schaffen. Warum das nötig ist, habe ich an anderer Stelle bereits beschrieben. Was eine exponentielle Hochschule tatsächlich ausmacht, möchte ich im Folgenden darstellen – 5 ketzerische Thesen zur exponentiellen Hochschule:

These #1: Hochschulen müssen anfangen wie Start-ups zu denken, nicht wie Konzerne!

Die Strukturen und Prozesse klassischer Hochschulen sind nicht für die Geschwindigkeit des digitalen Wandels ausgelegt: Komplexe Verwaltungen, lange Entscheidungswege und starre Hierarchien. Dieses träge System erschwert die Anpassung an äußere Veränderungen und gefährdet langfristig die Qualität und Aktualität von Lehre und Forschung. Start-ups hingegen, die ständig im Wandel sind, haben Methoden und Techniken entwickelt, um mit dieser Art von Unsicherheiten umzugehen, sie begegnen ihr mit Flexibilität und Anpassung – Die Exponentielle Hochschule übernimmt diese Denkweise, etwa durch schlanke agile Institute, die gemeinsam mit einem Netzwerk aus Fachexperten aktuelle Herausforderungen des digitalen Wandels bearbeiten, die skalierbar sind und je nach Bedarf ausgebaut oder verkleinert werden können. Nach dem build-measure-learn Prinzip werden die eigenen Prozesse dabei ständig optimiert.

These #2: Die Hochschule der Zukunft ist überall!

Wir glauben nicht an die Hochschule als „Hort des Wissens“, den Elfenbeinturm, in dem, abgeschottet vom Rest der Welt, Erkenntnisse entstehen und neue Ideen geboren werden. Stattdessen glauben wir an den Austausch, an äußere Einflüsse und fruchtbare Irritationen. Wir verstehen die Hochschule nicht als Ort, sondern als Haltung, als Neugierde gegenüber der Welt und Lust daran, Neues zu entdecken. Die Exponentielle Hochschule versteckt sich deshalb nicht hinter efeubewachsenen Mauern, sondern geht dahin, wo Innovation und Fortschritt tatsächlich stattfinden. In Start-ups, Ateliers oder auf den Straßen einer pulsierenden, internationalen Metropole wie Berlin. Mit unserem Pop-up Campus warten wir nicht auf die Inspiration, sondern suchen nach ihr.

These #3: Titel bedeuten nichts – Kompetenzen sind alles!

Für uns ist die Hochschule mehr als eine Durchgangsstation auf dem Weg zum Abschlusszeugnis. Wir wollen keine Bacheloranden und Masteranden ausbilden, sondern Entdecker und Abenteurer, Revolutionäre und Querdenker, Visionäre und Freigeister. Studierende, die nicht auf Nummer sicher gehen, die nicht nur Antworten geben, die Dozenten üblicherweise hören wollen, sondern den Mut haben, Risiken einzugehen und eigene, neue, unkonventionelle Ideen zu entwickeln. Die Exponentielle Hochschule muss dafür die Rahmenbedingungen schaffen. Indem sie Scheitern zulässt, Kreativität belohnt und Prüfungsformate entwickelt, die Kompetenzen abfragen anstatt Wissen.

These #4: Umarme den Feind!

Mit steigender Komplexität findet Innovation zunehmend außerhalb von Universitäten und Hochschulen statt. Gerade im Digital-Bereich entstehen neue Technologien und Produkte immer häufiger in den Forschungsabteilungen der Digital Giants im Silicon Valley statt in den Forschungsinstituten deutscher Hochschulen. Wir sind nicht bereit, das einfach so hinzunehmen und uns auf die Zuschauerränge zurückzuziehen. Wir wollen nicht nur digitale Talente ausbilden, sondern die digitale Welt von morgen mitgestalten. Wo wir das nicht selbst schaffen, setzen wir auf Kooperationen mit den Innovationstreibern und Thought Leadern der digitalen Transformation. Die Exponentielle Hochschule betrachtet Unternehmen deshalb nicht als Gegenspieler, sondern als Innovationspartner. Sie muss Teil eines digitalen Ökosystems sein, in dem ein Austausch auf Augenhöhe stattfindet.

These #5: Wir wollen nicht nur spielen!

Schluss mit Projekten für den Papierkorb, kein wissenschaftliches l’art pour l’art! Wir glauben an die Ideen und Schaffenskraft unserer Studierenden. Deshalb bedeutet Praxisbezug in der exponentiellen Hochschule auch nicht nur fiktive Planspiele, sondern echte Projekte, die Mehrwerte schaffen. Die Exponentielle Hochschule darf nicht nur Ausbildungsort sein, sondern Sprungbrett – für Gründer, Berater oder Führungskräfte. Sie muss Studierenden die Möglichkeit geben, Führungsverantwortung zu übernehmen, sich zu beweisen und endlich echte Praxiserfahrungen zu sammeln. 

von Uwe Eisermann, Gründungspräsident der XU Exponential University of Applied Sciences (i.Gr.)

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