September 19, 2018

Digitalisierung mit Mut begegnen

by Fabian Radsack in Digitalisierung

Die Urlaubssaison und Semesterferien neigen sich dem Ende zu. Somit kehren auch zahlreiche Studenten und Verreiste in die Stadt zurück und beanspruchen ihre Wohnungen zurück. Denn Sommersaison ist die Hochzeit der Untermiete. Das Konzept ist einfach: Die eigentlichen Mieter sind wochenlang nicht zuhause und vermieten ihre leerstehenden Wohnungen oder Zimmer an Personen, die für ein paar Wochen eine Bleibe suchen. Profitieren tun beide Seiten. Genauso funktioniert ShareHouse, das Startup des Logistikdienstleisters Imperial Logistics. Nur, dass hier Lagerflächen anstatt von Wohnungen vermittelt werden. Über die Entstehung der Idee, Digitalisierung in der Logistikbranche und die Ängste von Mitarbeitern berichtet Michael Lütjann, CIO von Imperial Logistics.

Michael, kannst Du ein paar Worte über Dich und Deine Arbeit bei Imperial sagen?

Ich bin der IT-Verantwortliche von Imperial Logistics. Um die Herausforderungen aus der digitalen Transformation zu meistern und innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln, haben wir im Dezember 2016 unser erstes Supply Chain Lab in Berlin eröffnet. Seitdem haben wir es geschafft neue Strukturen aufzubauen, um digitale Formate für unsere Businesspartner und Kunden etablieren zu können. Außerdem haben wir unser erstes Start-up „ShareHouse“ ins Leben gerufen.

Was genau macht dieses Start-up?

ShareHouse ist das Airbnb für Lagerflächen. Auf der Plattform können Logistiker die Auslastung ihrer Lagerkapazitäten erhöhen und Firmen mit Lagerbedarf kurzfristig und einfach einen Anbieter finden. Es handelt sich zunächst um ein klassisches Marktplatzmodell. Transparenz steht dabei für uns an erster Stelle.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen ShareHouse zu gründen?

Bei der Suche nach einer Lösung für eine bessere Auslastung unserer eigenen Lagerflächen sind wir relativ schnell darauf gekommen, dass auch andere Logistikdienstleiter ihre Kapazitäten nicht optimal ausnutzen. Diese Problemstellung mit Hilfe des Prinzips der „Sharing Economy“ zu lösen war naheliegend.

Wie digital ist die Logistikbranche bereits und was muss noch geändert werden?

Die Logistikbranche ist schon seit längerem dabei sich zu digitalisieren. In der Vergangenheit lagen die Schwerpunkte aber mehr auf der Digitalisierung und dem Management von Dokumenten oder digitalen Trackingsystemen. Zurzeit geht es vor allem darum, sich als Logistiker komplett neu zu erfinden und innovativer zu werden, bevor man vom Markt verdrängt wird. Dass das passieren kann, zeigen klassische Beispiele wie Uber und Airbnb, die gesamte Industrien verändert haben. Wir wollen nicht das Unternehmen sein, dessen Businessmodell demnächst vom Markt verschwinden wird. Deshalb beschäftigen wir uns aktiv mit der Digitalisierung und arbeiten an neuen Modellen.

Wie habt Ihr Euch personell dafür aufgestellt? Habt ihr ein Team aus jungen Digital Natives an Board geholt oder war es eine aktive Zusammenarbeit von alteingesessenen Logistikern und neuen Coding-Experten und Technikern?

Wir haben es anders gemacht, als man es sich vielleicht für ein Unternehmen mit 9.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro vorstellen würde. Durch unser Nachwuchsprogramm „Develop Yourself“ geben wir jungen Talenten die Chance von uns gefördert und ausgebildet zu werden. Auf einer Plattform haben sie danach die Möglichkeit sich für verschiedene neue und spannende Projekte anzumelden, die von uns ausgeschrieben werden. So geben wir ihnen die Möglichkeit sich abseits des Tagesgeschäfts mit interessanten Themen zu beschäftigen. Eines dieser ausgeschriebenen Projekte war das Erstellen einer Digitalisierungsstrategie für das gesamte Unternehmen. Hierfür haben sich vier junge Talente beworben, die daraufhin durch den CEO und CIO beraten und mit einem gewissen Budget ausgestattet wurden. Darüber hinaus haben wir zusätzlich neue Kollegen eingestellt. Erstaunlicherweise wird Imperial mittlerweile in Berlin als aktiver Gestalter des Wandels wahrgenommen. Wir können heute junge Mitarbeiter rekrutieren, die wir vor zwei Jahren so nicht für uns hätten begeistern können. Das zeigt, dass wir in den letzten Jahren stark an Attraktivität gewonnen haben. Natürlich ist dieser kulturelle Wandel noch lange nicht abgeschlossen, aber wir sind auf dem richtigen Weg.

Was unterscheidet Mitarbeiter, die als Digital Immigrants gelten, hauptsächlich von Digital Natives?

Der größte Unterschied ist, dass „Digital Natives“ deutlich mutiger sind. Mitarbeiter, die sich bislang kaum mit der Digitalisierung beschäftigt haben, sind jedoch oft von Ängsten getrieben. Das sind Existenzängste, wie die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes oder die Sorge von jüngeren Talenten überholt zu werden. Das Unternehmen muss diese Ängste berücksichtigen und sie ernst nehmen. Wir versuchen über unsere Digitalisierungsstrategie, die Gesamtheit der verschiedenen Generationen im Unternehmen zu erreichen. So soll jeder dazu motiviert werden an dieser Thematik mitzuwirken und sich selbst herauszufordern.

Wie hast Du den Mut gefunden, der Digitalisierung offen gegenüber zu stehen?

Ich bin ein positiv denkender Mensch, freue mich über jede neue Herausforderung und habe keine Angst zu scheitern. Das liegt zum einen an meiner Persönlichkeit und zum anderen an der Kollegenschaft und der Geschäftsführung, die mich dazu motiviert haben. Sie haben gesagt: „Lass es uns auszuprobieren, denn selbst wenn wir scheitern, haben wir eine neue Erkenntnis dazugewonnen und können es beim nächsten Mal anders machen.“ Natürlich haben wir auch Rückschläge erlebt, aber in erster Linie sind unsere gewonnenen Erkenntnisse positiv. Unsere Leute sind extrem motiviert und begeistert von den Projekten, die wir mit unseren Partnern, Kunden und Mitarbeitern durchgeführt haben.

Skills der Zukunft

Begeisterung und Motivation des Teams sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass ein Projekt funktionieren wird. Abgesehen davon, welche Skills und Qualifikationen sollte man besitzen?

Man muss den Mut und den Willen haben Dinge anzupacken. Auch Kreativität ist nicht zu unterschätzen. Diese Eigenschaften hängen allerdings auch oft davon ab, wie stark man sich für ein Projekt begeistern kann. Wenn einzelne Personen die Einstellung haben, dass die Arbeit eine Pflichtveranstaltung ist und keine eigene Motivation dafür aufbringen können, wird es sehr schwierig mit ihnen zusammenzuarbeiten. Natürlich liegt es hier auch beim Unternehmen, alle Kollegen auf die Reise des digitalen Wandels mitzunehmen, aber das gelingt nicht immer zu hundert Prozent. Das ist auch gar nicht die Anforderung. Wir versuchen denjenigen weiterzuhelfen, die den Willen haben, sich weiterzuentwickeln. Mit den Leuten, die dies nicht für nötig halten, wird es aus unserer Sicht langfristig nicht funktionieren.

Ist es Deiner Meinung nach sinnvoll, einen Studiengang zu wählen, der sich mit der Digitalisierung beschäftigt?

Es ist unheimlich sinnvoll. Wenn sich die jungen Leute heutzutage für einen Beruf oder eine Berufsrichtung entscheiden, ist das selten eine Entscheidung, mit der sie sich für die nächsten 30-40 Jahre festlegen. Deshalb ist meine Empfehlung hierzu, das zu machen, was einem Spaß macht. Die Digitalisierung bietet ein unerschöpfliches Potenzial kreativ zu sein, sich jeden Tag neu zu erfinden und auch immer weiter neue Produkte zu entwickeln. Junge Menschen, die sich hierfür entscheiden, müssen sich nicht auf eine Branche festlegen. Mit den erlernten digitalen Skills und dem Wissen, wie die einzelnen Technologien zusammenhängen und wie sie Veränderungen und neue Produkte hervorrufen können, ist man gut für die Zukunft gewappnet.

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