Juni 5, 2018

Der Weg in die Zukunft – Muss ich noch arbeiten?

by Fabian Radsack in Digitalisierung

In einer Zeit in der Alexa und Co uns durch Sprachbefehle das Wetter vorhersagen, unsere Lieblingsmusik abspielen oder für uns Onlineeinkäufe tätigen, stellt sich für viele die Frage: Was geschieht mit unserem Arbeitsalltag, wenn die Technologie immer mehr für uns übernimmt? Firmen wie IBM sind ganz vorne mit dabei, wenn es um neue Arbeitsmethoden und Entwicklungen in den Bereichen Blockchain, Internet of Things und künstliche Intelligenz geht. Matthias Schulz, Manager bei IBM, gibt Einblicke in das Arbeiten und die Welt von Morgen.

Matthias, würdest Du als Digital Expert sagen, dass es schwierig ist eine eigene App oder Webseite zu entwickeln?

Im Prinzip kann jeder, der einen eigenen PC und eine Grundahnung vom Coding hat, neue Applikationen zusammenstellen. Bei IBM, arbeiten wir mittlerweile auch mit Technologien, die man wie in einem Baukastensystem zusammenstecken kann.

Wird irgendwann alles vom Fußballplatz bis zum Friseursalon digitalisiert sein?

Ja, auf jeden Fall und das auf eine teilweise sehr subtile Art. Wir haben ja bereits Alexa, bei der ein intelligenter Computer im Hintergrund ist. Mit diesem Computer kann ich sprechen und er führt Kommandos für mich aus. Das kann man nicht mehr mit einem PC von früher vergleichen.

Dein Job ist es unter anderem, Unternehmen zu helfen, ihre Mitarbeiter auf die neuen Anforderungen des Arbeitsmarkts hin auszubilden. Wie macht ihr das?

Der Bereich, in dem ich arbeite heißt IBM Collaboration and Talent Management. Hier bieten wir unter anderem Recruiting Software und Watson APIs, die wir für HR trainiert haben. IBM Watson ist unsere künstliche Intelligenz. Dazu gehört der Bereich Watson Talent Development, der eine neuere Form eines Lernmanagementsystems darstellt. Diese Lernmanagementsysteme bilden das Bild einer Schule im virtuellen Raum ab. Anders als bei einer klassischen Schule, in der ein Lehrer vielen Schülern das gleiche beibringt, tragen viele verschiedene Leute zu Wissen bei und konsumieren es gleichzeitig auch. Watson Talent Development ist so organisiert, dass die Mitarbeiter jederzeit den Überblick über das aktuelle Firmenwissen haben. Zusätzlich erhält man als einzelner Mitarbeiter Empfehlungen darüber, was einem auf seinem jetzigen Karrierepfad weiterbringt.

Was zeichnet eine zeitgemäße Organisation aus?

Eine zeitgemäße Organisation muss in der Lage sein, sich selbst weiterzubilden. Außerdem spielt die Richtung der Befehlskette eine große Rolle. Es ist wichtig, dass man nicht nur eine Befehlskette von oben nach unten hat, bei der der Firmenchef über das gesamte Wissen verfügt und die Mitarbeiter seine Befehle abarbeiten. Im Gegenteil: Heute ist es häufig bereits umgekehrt. Die kreativen Vorschläge der einzelnen Mitarbeiter werden nach oben kommuniziert, um bessere und sinnvollere Entscheidungen treffen zu können.

Wie wichtig ist die Kompetenz, sich in unserer schnelllebigen Welt immer weiterentwickeln zu können?

Die momentan rasante Weiterentwicklung ist sicherlich die langsamste in unserem Leben. Dementsprechend ist die Anpassungs- und Lernfähigkeit eine ganz wichtige Komponente, um erfolgreich zu sein.

Warum denkst Du, ist es schwer vorherzusehen, was in fünf Jahren passiert?

Die Technologien, die heute auf den Markt kommen, sind so verändernd, dass wir nicht abschätzen können, was passiert, wenn das alles zusammenkommt. Zum Beispiel arbeiten wir an Quantencomputern. Wenn alles so aufgeht, wie wir uns das vorstellen, werden diese Computer ein millionenfaches schneller und besser sein als unsere heutigen Computer. Das wird ein richtiger Quantensprung.

Was ist ein Quantencomputer?

Das ist die nächste Generation von Computern. Damit ließen sich Probleme durchrechnen und durchdenken, an die wir uns heute noch nicht wagen.

Die Zukunft wird also immer schneller, besser und größer?

Unsere Welt hat bisher so funktioniert, immer besser, schneller und größer zu werden. Aber ich glaube, dass wir jetzt die Chance haben, uns wieder zurückzubesinnen auf die Dinge, die uns als Menschen tatsächlich ausmachen. Wenn wir immer nur besser und schneller sein wollen, verlieren wir dadurch irgendwann unsere Menschlichkeit. Stattdessen würden wir wie Maschinen arbeiten, nur letzten Endes fehlerhaltiger.

Was siehst Du als Lösungsweg, um diese Menschlichkeit zu erhalten?

Wir werden mehr und mehr Prozesse und Berufe automatisieren und so gewissenermaßen von der Bürde der Arbeit erlöst. Dadurch müssen wir nicht unbedingt arbeiten und können uns stattdessen aussuchen, was wir wirklich machen wollen. Damit stehen wir aber vor einem ganz anderen Problem: Was wollen wir denn wirklich? Das wissen nämlich die wenigsten. Deshalb erarbeiten wir bei IBM momentan, wie man Menschen durch künstliche Intelligenz helfen kann, den Beruf herauszufinden, für den sie am besten geeignet sind. Nehmen wir das Beispiel eines Krankenpflegers, hätten wir früher jemanden gesucht, der die entsprechenden Zertifikate, eine entsprechende Ausbildung und gute Noten gehabt hat. Heute suchen wir jemanden, der automatisch hilft, wenn dir die Tasche runterfällt. Das sind Menschen, die als Krankenpfleger geeignet sind, weil sie diesen Kernaspekt der Hilfsbereitschaft in sich haben. Künstliche Intelligenz und Technik helfen durch das Beantworten von einigen Fragen herauszufinden, was man eigentlich für ein Charaktertyp ist, was man von seiner tiefsten Natur heraus machen möchte und welche Jobs diese Eigenschaften brauchen.

Wird der Charakter in Zukunft mehr im Fokus stehen, als die erlernten Fähigkeiten?

Das angelernte Wissen wird immer mehr an Bedeutung verlieren, weil es so schnell veraltet. Wichtiger ist es, sich anpassen und lernen zu können und die Fähigkeit bei extremen Veränderungen einen kühlen Kopf zu bewahren. Diese innere Balance bei schwierigen Situationen halten zu können, wird auf jeden Fall wichtiger werden.

Wie wird unsere Gesellschaft aussehen, wenn niemand mehr arbeiten muss?

Zuerst müssen wir dafür sorgen, dass die diejenigen, die nicht in Brot und Arbeit stehen, ein faires ordentliches Leben führen können. Das Mindeste, was wir dafür schaffen müssen, ist ein unkonditioniertes Grundeinkommen. Darüber hinaus müssen wir eine ganze Menge anderer struktureller Veränderungen in unserem heutigen System einleiten und umsetzen.

Kann man den Leuten nicht einfach andere Berufe als Alternative anbieten, anstatt ein unkonditioniertes Grundeinkommen einzuführen?

Die Frage ist heute noch berechtigt. Im Moment haben wir ja noch ein hohes Beschäftigungsniveau und das wird auch noch eine zeitlang so bleiben – auf jedem Fall für die besser Qualifizierten. Die Vision ist aber tatsächlich, dass wir soweit automatisieren, dass nur noch ein Teil der Menschen sinnvoll arbeiten kann und muss – wobei Arbeit dann möglicherweise sogar auf freiwilliger Basis geschehen wird. Noch können wir nicht voraussagen, wann das so passieren wird. Nicht zu arbeiten heißt nicht nichts zu tun, sondern dass die konventionelle Arbeit durch andere sinnvolle Tätigkeiten abgelöst wird. Die Welt braucht Leute, die sich sozial engagieren, auch wenn das heute noch nicht ausreichend geschätzt wird. Genauso müssen wir anfangen Berufe wertzuschätzen, die wir nicht wegrationalisieren können, wie Altenpflege und Kindererziehung.

Welche Berufe können nicht wegrationalisiert werden?

Das sind zum einen die Berufe, bei denen eine menschliche und eine manuelle Komponente benötigt wird. Ein Friseur beispielsweise ist schwer wegzurationalisieren, weil es eine Tätigkeit ist, bei der man möchte, dass sie von einem Menschen und nicht von einer Maschine ausgeführt wird. Bänker, Rechtsanwälte und Berater hingegen sind Berufsgruppen, die wir relativ schnell und einfach automatisieren können. Der zweite Bereich, der schwer automatisierbar ist, sind hochqualifizierte Ingenieursjobs. Und der dritte Bereich sind kreative Jobs in Musik und Design. Hier werden wir Menschen nie komplett ersetzen können, auch wenn künstliche Intelligenz natürlich auch bei diesen Berufen die Arbeit ungemein erleichtert. Insofern werden uns hochqualifizierte Fachexperten erhalten bleiben, die mit Computern und mit künstlicher Intelligenz zusammenarbeiten und Berufsfelder mit manuellen und menschlichen Tätigkeiten. Allerdings ist es auch kulturabhängig, wie weit bei der Automatisierung von Berufen gegangen wird. In Japan zum Beispiel arbeitet man sehr stark an der Automatisierung der Altenpflege. Bei uns ist das derzeit wohl weniger erwünscht.

Was würdest Du angehenden Studenten raten zu studieren?

Bei IBM sind wir der Meinung, dass jeder in der Lage sein sollte zu coden. Dabei geht es vor allem darum Funktionalitäten von verschiedenen Systemen zusammenzubringen. Eine neue Fähigkeit von Alexa zu entwickeln, ist keine große Kunst mehr. Zuerst nimmt man eine Basis – bei uns ist das Bluemix. Das ist eine Plattform mit der man Apps und Webseiten gestalten kann. Dorthin ziehe ich die benötigten Komponenten. Diese Komponenten sind vorgefertigte Funktionen, wie zum Beispiel eine Sprachkomponente, die die gesprochene Sprache zuerst in Text umwandelt und dann auf die Tonalität analysiert-ist das ein freundlicher Text oder ein Befehl? Worum geht es inhaltlich? Danach werden die Funktionalitäten ausgeführt. Mit Coden meinen wir, die Schnittstellen zwischen den Komponenten und ihre richtige Reihenfolge definieren zu können. Wenn man das beherrscht, kann man ganz neue und revolutionäre Dinge erschaffen. Uber ist ein gutes Beispiel dafür. Denn hier wurde Google Maps mit anderen vorhandenen Komponenten clever kombiniert. Durch diese vorhandenen Bausteine, die gekonnt kombiniert wurden, hat man die ganze Taxiindustrie revolutioniert.

Ich war vor kurzen bei EyeEm und habe mit einem der Gründer, Gen Sadakane, gesprochen. Er vertritt die Meinung, dass wir in Zukunft einen Teil unseres Einkommens mit Minijobs verdienen werden. Uber fahren, eigene Fotos verkaufen, private Zimmer vermieten und sich damit finanzieren. Wie siehst Du das?

Es gibt einmal das Konzept von Clickworking, wo man sagt, ich biete meine Fähigkeiten an und kann mit einem Klick gebucht werden. Je nachdem, was ich online anbiete, bekommt der Auftraggeber Fotos oder Texte von mir. Die andere Möglichkeit, die du gerade angesprochen hast, ist mein Lebensumfeld anzubieten. Wenn ich zwei Wochen lang in den Urlaub fahre, warum sollte ich da meine Wohnung nicht als Airbnb-Unterkunft anbieten? Oder warum sollte mein selbstfahrendes Auto nicht andere chauffieren und für mich Geld verdienen, wenn ich es gerade nicht brauche?

Dabei sehe aber nicht im Vordergrund Geld zu verdienen, sondern die immer stärkere Entwicklung in Richtung einer Sharing Economy oder Gift Economy. Das passiert vor allem durch das neue Bewusstsein, nicht im Mangel zu leben, sondern eigentlich im Überfluss. Dadurch werden wir hoffentlich das klassische ökonomische Model auf den Kopf stellen und alle gut leben können. Denn wenn jeder anderen Gutes tut, widerfährt auch jedem regelmäßig Gutes.

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